Zwischen Gärtnerstadt-Tradition und Klimaanpassung
Wolfenbüttel diskutiert die Zukunft der städtischen Grünflächen
Unter dem provokanten Titel „Schafft mehr Biodiversität Wolfenbüttels Schmuckbeete ab?“ lud die Stadtverwaltung am Donnerstag, 20. August 2026, zum Rathausdialog in die Lindenhalle ein. Das rege Interesse der Bürgerinnen und Bürger – rund 60 Besucher konnten gezählt werden - zeigte deutlich, wie wichtig den Menschen vor Ort die Gestaltung und Pflege des öffentlichen Raums ist. Im Kern der Veranstaltung stand die Suche nach einer Balance zwischen dem Erhalt des historischen und ästhetischen Stadtbildes, den wachsenden ökologischen Herausforderungen durch den Klimawandel sowie den begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen der Kommune.
Klimawandel und begrenzte Ressourcen erfordern ein Umdenken
Bürgermeister Ivica Lukanic und Henning Schwägermann, Fachbereichsleiter Öffentlicher Raum, skizzierten zu Beginn die aktuellen Spannungsfelder der städtischen Grünpflege. Die zu pflegenden Flächen haben in den vergangenen Jahrzehnten stetig zugenommen, während das Personal auf einem konstanten Niveau geblieben ist. Gleichzeitig führt der politische Auftrag, mehr Biodiversität in der Stadt zu wagen, zu einem veränderten Erscheinungsbild, das nicht immer sofort auf ungeteilte Zustimmung stößt. So benötigen beispielsweise neu angelegte Blühwiesen Zeit, um sich zu entwickeln, was in der Übergangsphase oftmals als unordentlich wahrgenommen wird. Lukanic betonte, dass es der Stadt darum gehe, allen Aspekten gerecht zu werden: der Förderung der Artenvielfalt, der Entwicklung von Naturräumen und dem Erhalt eines attraktiven Stadtbildes.
Wissenschaftliche Expertise für zukunftsfähige Konzepte
Um den Begriff der Biodiversität greifbar zu machen, erläuterte Landschaftsarchitekt Manfred Dicks den Wandel von historisch gewachsenen, einfachen Bepflanzungen hin zu komplexen Ökosystemen. Angesichts veränderter klimatischer Bedingungen sei es zwingend notwendig, Grünflächen robuster und vielfältiger aufzustellen, um auch den Fortbestand der heimischen Insekten- und Tierwelt zu sichern, stellte auch Grünflächen-Abteilungsleiter Jens Meyer dar.
Unterstützt wurde dieser Ansatz durch den Vortrag der externen Expertin Monika Böhm, die langjährige Erfahrung im ökologischen Grünflächenmanagement mitbringt. Sie veranschaulichte eindrucksvoll den massiven Unterschied im Pflegeaufwand zwischen traditionellem Wechselflor und naturnahen Staudenbepflanzungen. Während klassische Schmuckbeete bis zu 45-mal im Jahr gewässert und mehrmals neu bepflanzt werden müssen, benötigen extensive Bepflanzungen nur einen Bruchteil dieser Pflege und kommen deutlich besser mit Trockenperioden zurecht. Böhm stellte ein Konzept vor, das die städtischen Flächen in verschiedene Pflegekategorien unterteilt, um Repräsentationsflächen von extensiven Naturräumen abzugrenzen und Ressourcen gezielter einzusetzen.
Wolfenbüttel bleibt Gärtnerstadt
Dass die traditionellen Schmuckbeete nicht gänzlich aus dem Stadtbild verschwinden werden, machte Gärtnermeisterin Stefanie Pfeifenbrink deutlich. Repräsentative Orte wie „Klein Venedig“, der Holzmarkt oder das gepflanzte Stadtwappen bleiben als Aushängeschilder der Gärtnerstadt Wolfenbüttel erhalten. Dennoch werde auch hier zunehmend darauf geachtet, insektenfreundlichere und klimaresilientere Pflanzen zu integrieren. Ziel sei es, die leuchtende Blütenpracht, für die die Stadt bekannt ist, schrittweise mit ökologisch wertvollen Stauden zu kombinieren.
Bürgerinnen und Bürger bringen konkrete Ideen ein
Im Rahmen eines interaktiven Workshops brachten die Teilnehmenden im Anschluss ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche ein. Die Ergebnisse zeigten eine hohe Kompromissbereitschaft: So regten viele Bürgerinnen und Bürger an, die klassischen Schmuckbeete in den äußeren Ortsteilen zugunsten von pflegeleichten und insektenfreundlichen Wildstauden zu reduzieren, während die zentralen Punkte in der Innenstadt erhalten bleiben sollen. Weitere Vorschläge umfassten die Anlage von Naschgärten im Sinne einer „Essbaren Stadt“, den vermehrten Schutz von Kleintieren durch das Liegenlassen von Laub in bestimmten Parkbereichen sowie die Anlage sogenannter Benjeshecken als natürliche Rückzugsorte für die Fauna.
Neue Technik für den Tier- und Ressourcenschutz
Auch auf konkrete Sorgen aus der Bürgerschaft, etwa den Schutz von Igeln bei Mäharbeiten oder den städtischen Wasserverbrauch, konnte die Verwaltung direkte Antworten geben. Jens Meyer, Abteilungsleiter Grünflächen stellte im Anschluss an den Dialog neue Mähgeräte vor, die speziell für die schonende Pflege von Langgrasflächen und den Schutz von Kleintieren angeschafft wurden. Zudem arbeitet die Stadt beim Thema Bewässerung bereits ressourcenschonend: Wo immer möglich, wird Brunnenwasser anstelle von Trinkwasser verwendet. Bei den Pflanzkübeln in der Fußgängerzone kommt darüber hinaus moderne Sensortechnik zum Einsatz, die die Bodenfeuchtigkeit misst und so eine Überwässerung verhindert.
Die Erkenntnisse und Vorschläge des Rathausdialogs fließen nun in die weitere Ausarbeitung der städtischen Grünflächenstrategie ein, die dann später der Politik zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt werden soll.
Quelle: PM 21.08.2026
