30 Jahre CSD in Braunschweig
Vielfalt bereichert unsere Gesellschaft
Am kommenden Wochenende finden die Auftakt- und Abschlusskundgebungen sowie die Demonstration zum Christopher Street Day rund um den Braunschweiger Schlossplatz statt. Schirmfrau der diesjährigen Veranstaltung ist Prof. Dr. Cornelia Denz, Präsidentin der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, die in ihrem Grußwort schreibt:
„Vielfalt bereichert unsere Gesellschaft. Sie eröffnet neue Perspektiven, fördert Kreativität und schafft Raum für Innovation. Vor allem aber erinnert sie uns daran, dass jeder Mensch das Recht hat, frei und sichtbar zu leben - mit der gleichen Würde und den gleichen Chancen wie alle anderen. Denn wahre Vielfalt entsteht dort, wo wir alle unser authentisches Selbst leben können.“
In diesem Sinne demonstriert die queere Community der Löwenstadt seit 30 Jahren für ein weltoffenes und tolerantes Miteinander. Die Idee hat 1996 als „Sommerlochfestival“ und einem kleinen Straßenfest an der Martinikirche ihre ursprüngliche Gestalt angenommen. Im Zuge der stetig wachsenden LGBT-Bewegung sind Menschen unterschiedlichster sexueller Identitäten und Orientierungen ein sichtbarer und integraler Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, gehen Braunschweigs CSD-Organisierende nunmehr in das vierte Jahrzehnt ihrer ehrenamtlichen Arbeit.
Insbesondere die traurigen Ereignisse rund um den Berliner CSD zeigen, wie wichtig dieses Anliegen weiterhin ist. Doch unabhängig davon: die Situation verschlechtert sich in Fragen der Sicherheit und Akzeptanz bereits seit Jahren wieder. Die Zahl registrierter Straftaten gegen queere Menschen steigt stetig, Hasskommentare in sozialen Medien nehmen erschreckende Dimensionen an und auch politisch wird die rechtliche Stellung der Community vermehrt in Frage gestellt.
Mit allem Respekt für die Opfer des vorletzten Wochenendes braucht es gerade jetzt ein starkes Zeichen und ein entschlossenes Auftreten gegen alle Formen der Bedrohung, Diskriminierung und Ausgrenzung durch religiöse oder politische Extremisten. Politik, Behörden und Zivilgesellschaft müssen klare Grenzen ziehen und dafür sorgen, dass sich alle Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität sicher fühlen können.
Während der Kundgebungen werden die politischen Forderungen des CSD nicht nur von zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern und unserer Schirmfrau begleitet – mit Sophie Koch, Queerbeauftragte der Bundesregierung, Oberbürgermeister Torsten Kornblum sowie Niedersachsens Sozialminister Andreas Philippi begrüßen wir weitere gewichtige Stimmen als unsere Gäste.
Sicherheit beim CSD Braunschweig
Vor dem Hintergrund des islamistischen Anschlages auf den CSD Berlin am vorletzten Woche hat es kürzlich weitere konstruktive Gespräche zwischen den Braunschweiger CSD-Veranstaltenden und den zuständigen Behörden gegeben, um die aktuelle Situation neu zu bewerten. Wie Uwe Lange, Vizepräsident der Polizeidirektion Braunschweig, bereits in der vergangenen Woche mitgeteilt hat, bestehe grundsätzlich für Versammlungen und Großveranstaltungen eine „abstrakte Gefährdungs-lage“. Konkrete Hinweise auf eine erhöhte Gefährdung des CSD Braunschweig gebe es derzeit jedoch nicht.
Nichtsdestoweniger sind gemeinsam mit Polizei und Versammlungsbehörde weitere Maßnahmen erörtert worden, die das Sicherheitskonzept der vergangenen Jahre nachschärfen, um für alle Teilnehmenden die größtmögliche Sicherheit im Umfeld der Veranstaltung zu gewährleisten. Wir stehen auch weiterhin in engem Kontakt mit den entsprechenden Stellen und sind zuversichtlich, den bestehenden Herausforderungen mit guten Lösungen zu begegnen.
Stand heute werden die folgenden zusätzliche Maßnahmen umgesetzt:
- Auffahrtssperren um den Schlossplatz werden erweitert, sowohl zum Bohlweg als auch nach Norden in Richtung Ritterbrunnen,
- der Bohlweg wird in Fahrtrichtung Norden für den Verkehr gesperrt,
- das Befahren des Schlossplatzes auch für Standbetreibende des Strassenfestes wird stark eingeschränkt.
- Die Demonstration startet entgegen vergangener Jahre dieses Mal auf dem Bohlweg in nördlicher Richtung, danach wird die Route ca. zwei Stunden (13 bis 15 Uhr) wie gewohnt durch die Braunschweiger Innenstadt führen, endend wieder am Schlossplatz.
- Während Demonstration und Kundgebung wird die Zahl der eingesetzten Einsatzkräfte deutlich erhöht.
Um auf weitere, kurzfristige Änderungen reagieren zu können, behalten wir uns die Veröffentlichung der finalen Demoroute bis zum Freitagabend vor. Zudem wird vorsorglich darauf hingewiesen, dass die o. g. Maßnahmen den jetzigen Stand der Planungen darstellen und im Laufe der Woche noch fortlaufend angepasst werden können.
Programmablauf Freitag, 7. August 2026
17.00 Uhr Dyke*March
Für lesbische Sichtbarkeit. Start auf dem Platz der Deutschen Einheit, Ende gegen 18.00 Uhr auf dem Schlossplatz. Der DykeMarch lädt dazu ein, die Vielfalt von FLINTA-Personen sichtbar zu machen und gemeinsam für Akzeptanz, Gleichberechtigung und die Abschaffung von Diskriminierung einzutreten.
18.00 Uhr Auftaktkundgebung auf dem Schlossplatz
Moderation: Christoph Hintze
Gäste:
Hilal Bektaş, Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin
Sophie Koch, Queerbeauftragte der Bundesregierung
Musikalisches Programm
ca. 18.55 Uhr: LUYS
Dream-Rock zwischen emotionalen Texten und individueller Pop-Rock-Klangwelt.
ca. 20.05 Uhr: EJA
Performerin und Rapperin aus Hannover mit experimentellen Sounds und ElectroPop-Beats.
ca. 20.50 Uhr: Bailando
Karibischer Paartanz ohne Geschlechterklischees.
22.00 Uhr: After-Show-Party
Queeres Zentrum „Onkel Emma“, Echternstraße 9.
Programmablauf Samstag, 8. August 2026
13.00 Uhr CSD-Demonstration
Start auf dem Bohlweg, Ende gegen 15.00 Uhr am Schlossplatz.
15.00 Uhr Abschlusskundgebung
Moderation: Annie Heger und Insina Lüschen.
Zur Eröffnung sprechen:
Prof. Dr. Cornelia Denz
Dr. Thorsten Kornblum
Dr. Andreas Philippi
Künstlerisches Programm
ca. 15.50 Uhr: Slick Oyster
Electronic Indie, Live-Electronics und queere Sichtbarkeit.
ca. 18.05 Uhr: Rules of this Game
Alternative-Rock, EDM und gesellschaftskritische Texte.
ca. 19.45 Uhr: The Miami Club
80er-Jahre-Hits von Depeche Mode bis Madonna.
ca. 20.25 Uhr: Esther Filly
Soul, Swing, Jazz, Pop und Schlager.
ca. 21.20 Uhr: SHRX
Pop- und EDM-Sounds mit Neon- und UV-Show.
22.30 Uhr: PrideNight „Love is our Revolution“
Abschlussparty im Schön & Fröhlich.
Hintergrundinformationen | CSD Braunschweig
Anlässlich des CSD Braunschweig demonstriert die queere Community Braunschweigs und der Region gemeinsam mit der Stadtgesellschaft für die Anerkennung, Wertschätzung und Sichtbarkeit von gesellschaftlicher Vielfalt. Die Veranstaltung findet alljährlich in der ersten Augusthälfte statt.
Der erste Braunschweiger CSD ist 1996 unter dem Namen „Sommerlochfestival“ noch als eintägiges Straßenfest auf dem Platz an der Martinikirche begangen worden. In der folgenden Zeit ist das Festival in seinem Ablauf erheblich erweitert worden, so dass es während der 2000er Jahre – nach dem CSD in Oldenburg – zu den größten und besucherstärksten Veranstaltungen seiner Art in Niedersachsen zählte. Im Jahr 2025 hat bereits der 30. CSD in Braunschweig stattgefunden.
Zu den festen Bestandteilen gehört ein umfangreiches Rahmenprogramm, das mit vielfältigen politischen, informativen und kulturellen Veranstaltungen aufwartet. Die Organisation und Ausgestaltung wird durch zahlreiche Gruppen, Vereine und Initiativen aus Braunschweig und der Region unterstützt, die bei dieser Gelegenheit dazu einladen, ihre überwiegend ehrenamtliche Arbeit näher kennenzulernen.
Höhepunkt des Abschlusswochenendes ist die seit 2000 stattfindende CSD-Demonstration in der Braunschweiger Innenstadt, die alljährlich mehrere tausend Teilnehmende zählt. Die begleitenden Kundgebungen finden seit 2013 vor dem Braunschweiger Schloss statt. Hier werden die politischen Forderungen des CSD mit einem bunten Musik- und Kleinkunstprogramm verbunden:
- Sichtbarmachung und gesellschaftliche Integration vielfältiger Lebensweisen
- Umsetzung von Maßnahmen gegen Diskriminierungen und Queerfeindlichkeit
- Ergänzung des Artikel 3 GG um das Merkmal der sexuellen und geschlechtlichen Identität
- Beibehaltung des Selbstbestimmungsgesetzes und Absicherung der Beratungsstrukturen
- Gleichstellung der Adoptionsregelungen in gleichgeschlechtlichen Ehen
Im Laufe seines über 25jährigen Bestehens waren bereits viele bekannte Namen der Landes- und Bundespolitik Schirmpersonen des Braunschweiger CSD, so z. B. Sigmar Gabriel (2004), Carola Reimann (2005, 2009 und 2019), Jürgen Trittin (2006), Cornelia Rundt (2013) Stephan Weil (2014) oder Gregor Gysi (2016). Bei der Abschlusskundgebung gastierten zudem Stars wie Samantha Fox (2003), Lilo Wanders (2006), The Weather Girls (2011), Lucy („No Angels“, 2012), Mary Roos (2015) oder Menderes (2018) auf der CSD-Bühne.
Ein ehrenamtlich tätiges Team des Vereins für sexuelle Emanzipation (VSE) e. V. organisiert und gestaltet den Braunschweiger CSD jedes Jahr aufs Neue. Dieses Engagement wird sowohl durch zahlreiche Spender als auch durch die Stadt Braunschweig und ihre Institutionen, das Land Niedersachsen sowie Sozialorganisationen wie die „Aktion Mensch“ unterstützt und gefördert.
Hintergrundinformationen | Verein für sexuelle Emanzipation e. V.
Der Verein für sexuelle Emanzipation (VSE) e. V. ist die Interessenvertretung für schwule, lesbische, bi-, trans*-, inter- und asexuelle Menschen und bildet somit das Dach für queeres Engagement, Austausch und Aufklärung in Braunschweig und Umgebung.
Seit der Vereinsgründung im Jahr 1989 setzen sich größtenteils ehrenamtlich tätige Menschen für die Gemeinschaft innerhalb der queeren Community ein und engagieren sich politisch für eine Gesellschaft mit gelebter Akzeptanz und Gleichberechtigung.
Die Angebote sind daher vielfältig und gliedern sich in Jugendarbeit, Bildung, Beratung, Selbsthilfe sowie Freizeit-, Kultur- und Politikveranstaltungen. Organisiert bzw. unterstützt werden u.a. der CSD Braunschweig, die Kulturtage „Warmer Winter“, die queere Partyreihe „MenDance|Women Dance“, die Geflüchtetenhilfe „Queer Refugees“ und das Schulaufklärungsprojekt „SchLAu“.
In der Echternstraße unterhält der VSE das queere Zentrum „Onkel Emma“, das im November 2011 mit Unterstützung der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, der Stadt Braunschweig sowie weiterer Sponsoren eröffnet worden ist. Seitdem ist es Treffpunkt und Identifikationsmerkmal für die Braunschweiger Community und bereichert mit zahlreichen Veranstaltungen die queere Kultur der Stadt.
Des weiteren lobt der Verein seit 2022 im Rahmen des „Braunschweig International Film Festival“ den queeren Filmpreis „ECHT“ aus und würdigt damit die Darstellung von Diversität und Vielfalt auf der Kinoleinwand.
Als neuestes Projekt ist im November 2023 die Trans*Beratung Region Braunschweig (tra*BS) für junge trans* Menschen sowie deren Eltern und Bezugspersonen an den Start gegangen. Die Einrichtung in der Jasperallee wird durch die „Aktion Mensch“ gefördert und ist die einzige Beratungsstelle ihrer Art in Norddeutschland, die über eigene Räumlichkeiten verfügt.
Darüber hinaus arbeitet der Verein eng mit zahlreichen weiteren Partnern wie der Braunschweiger AIDS-Hilfe oder dem Queeren Netzwerk Niedersachsen zusammen. Es werden ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke verfolgt, wofür der VSE als besonders förderungswürdig anerkannt worden ist.
Alle Aktivitäten des Vereins haben sich zum Ziel gesetzt, die queere Community sowohl im Ganzen als auch deren Mitglieder individuell zu stärken, vielfältige Lebensweisen in ihrer Sichtbarkeit aktiv zu unterstützen sowie Stigmatisierung und Diskriminierung queerer Menschen entgegenzutreten.
Hintergrundinformationen | Christopher Street Day
Am Christopher Street Day (CSD) demonstriert die queere Community für die Rechte schwuler, lesbischer, bi-, trans*-, inter- und asexueller Menschen sowie gegen deren Ausgrenzung und Diskriminierung. Zahlreiche der entsprechenden Veranstaltungen tragen mittlerweile auch die Bezeichnung „Pride“ im Namen und folgen damit der im englischsprachigen Raum üblichen Benennung.
Obgleich sich Prides und CSDs mittlerweile über nahezu das ganze Jahr verteilen, gilt der Juni als eigentlicher „Pride Month“, da der CSD gleichzeitig als Gedenktag an den ersten bekanntgewordenen Aufstand queerer Minderheiten am 28. Juni 1969 in der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village dient.
Insbesondere Dragqueens und transsexuelle Latinas und Schwarze wehrten sich an diesem Tag gegen wiederkehrende Repressalien, Übergriffe und willkürliche Verhaftungen durch die New Yorker Polizei. Nach einer Razzia in der Bar „Stonewall Inn“ kam es zu mehrtägigen Straßenkämpfen mit den Einsatzkräften. Im darauffolgenden Jahr wurde dieses Ereignisses mit dem „Christopher Street Liberation Day“ erstmals gedacht.
Am 30. Juni 1979 fanden in Bremen, Köln und West-Berlin die ersten CSDs in Deutschland statt. Seitdem wurde die Tradition an zahlreiche weitere Orte getragen, darunter auch viele Klein- und Mittelstädte sowie regionale Verbünde. Im Jahr 2023 listete der Veranstaltungskalender des Dachverbandes CSD Deutschland e. V. über 130 Termine auf – von der Demonstration über das ein- oder mehrtägige Straßenfest bis hin zu Paraden und Großveranstaltungen mit zehntausenden von Teilnehmenden.
Von internationaler Bedeutung sind zudem die von der EPOA (European Pride Organisers Association) und dem Weltverband InterPride vergebenen Titel „EuroPride“ und „World Pride“. Der EuroPride findet jährlich statt (erstmals 1992 in London, 2024 in Thessaloniki), ein „World Pride“ zurzeit im Zweijahresrhythmus (erstmals 2000 in Rom, 2023 in Sydney, 2025 in Washington).
Quelle: PM 03.08.2026
