Eröffnung der Ausstellung „Rendezvous mit dem Löwen"
Spitzenstücke aus der Burg Dankwarderode zu Gast
Zeugnisse von Macht, Glauben und Geschichte des Mittelalters neu inszeniert
Mit der Ausstellung „Rendezvous mit dem Löwen. Spitzenstücke aus der Burg Dankwarderode zu Gast“ präsentiert das Herzog Anton Ulrich-Museum ab dem 6. März 2026 die bedeutendsten Meisterwerke der mittelalterlichen Sammlung aus der Burg Dankwarderode in einer neu konzipierten Schau in der Museumstraße. Zuletzt konnten Besucher*innen die Sammlung im Jahr 2023 am Burgplatz besichtigen.
Der Ausstellungsrundgang beginnt mit kurzen Einführungen in die Geschichte der Burg Dankwarderode und zur Stellung Braunschweigs im Mittelalter, bevor er die Besucher*innen in die Welt des welfischen Hofes und Heinrichs des Löwen führt. In acht Kapiteln entfaltet sich so ein vielschichtiges Bild der politischen, religiösen und gesellschaftlichen Zusammenhänge des Mittelalters, das Macht und Frömmigkeit in ihrem Verhältnis beleuchtet.
Der Braunschweiger Burglöwe – Symbol von Macht und Identität
Im Mittelpunkt der Präsentation steht das Original des Braunschweiger Burglöwen (um 1166), das bedeutendste noch erhaltene freiplastische Bronzewerk des Mittelalters nördlich der Alpen und identitätsstiftendes Symbol der Stadt. Dass das Denkmal heute noch existiert, ist maßgeblich dem selbstlosen Einsatz des Landeskonservators Kurt Seeleke (1912–2000) zu verdanken. In einer spektakulären Rettungsaktion ließ er den Löwen während des Zweiten Weltkriegs vor den verheerenden Bombenangriffen auf Braunschweig heimlich vom Sockel nehmen und gegen eine Kopie austauschen. Um ihn vor der bereits befohlenen Auslagerung nach Schlesien und seiner möglichen Einschmelzung zu bewahren, versteckte er die Bronzeplastik in einem Stollen im Rammelsberg bei Goslar, wo sie den Krieg unbeschadet überdauerte. Erst 1945 kehrte der Löwe wohlbehalten nach Braunschweig zurück. Bis 1980 stand er auf dem Braunschweiger Burgplatz, bevor er aus konservatorischen Gründen durch eine Kopie an gleicher Stelle ersetzt wurde.
Das Original fand bald darauf Eingang in die Mittelalterabteilung des Herzog Anton Ulrich-Museums in der Burg Dankwarderode. Ihre aufgrund technischer Mängel erfolgte Schließung im Herbst 2023 machte nun den jüngsten Umzug des Löwen in das Galeriegebäude des Museums notwendig. In der Ausstellung wird der Braunschweiger Burglöwe mit Blick auf seine ursprüngliche Funktion neu präsentiert und empfängt die Besucher*innen im ersten Saal als monumentales Herrschaftsbild der Epoche Heinrichs des Löwen.
Blick in die Ausstellung „Rendezvous mit dem Löwen. Spitzenstücke aus der Burg Dankwarderode zu Gast“
(Foto: Herzog Anton Ulrich-Museum, Kathrin Ulrich)
Meisterwerke von internationalem Rang
Die Ausstellung besticht durch international herausragende Einzelstücke: Das in England gefertigte und mit Fabelwesen verzierte „Gandersheimer Runenkästchen“ aus der Zeit um 780 bis 800 ist das älteste Stück der Schau: Es zählt neben dem Burglöwen und dem Reliquienarm des heiligen Blasius (um 1040) zu den international bedeutendsten mittelalterlichen Stücken des Herzog Anton Ulrich-Museums. Als Stiftung der bedeutenden brunonischen Gräfin Gertrud und späterer Teil des legendären „Welfenschatzes“ gilt das Arm-Reliquiar des heiligen Blasius als das älteste und wertvollste seiner Art. Im Inneren befindet sich noch heute der Unterarmknochen des Patrons des Braunschweiger Doms St. Blasii. Der prächtige Kaisermantel, entstanden um 1200, ist mit symbolischen Motiven bestickt und wurde einst von Kaiser Otto IV., Sohn Heinrichs des Löwen, getragen. Er zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen der Epoche und hat sich nach dem letzten Willen des Herrschers im Braunschweiger Ägidienkloster erhalten. Ihn zieren Löwen aus dem Wappenbild der englischen Königsfamilie Plantagenêt, der Familie der Herzogin Mathilde, die Heinrich der Löwe 1168 heiratete.
Viele weitere Stücke der Präsentation zählen aufgrund ihrer Kostbarkeit und historischen Bedeutung zu den herausragenden Zeugnissen der europäischen Schatzkunst: so etwa ein „Olifant“, ein kunstvoll beschnitztes Signalhorn aus Elfenbein aus dem 11. Jahrhundert, das sich seit 1787 in der Sammlung der Braunschweiger Herzoge nachweisen lässt, oder das große Bergkristallkreuz aus der Zeit um 1300, das auf die Herkunft der Welfen aus Schwaben verweist: Es steht vermutlich in Zusammenhang mit dem von Welf IV. gegründeten Benediktinerkloster Weingarten. Das aus zwölf Kristallstücken gefertigte Kreuz wurde im Mittelalter bei Prozessionen und feierlichen Einzügen verwendet.
Die Mittelaltersammlung des Herzog Anton Ulrich-Museums ist eng mit der welfischen Herrschaftsgeschichte Braunschweigs verbunden. Viele der Objekte stehen im Kontext der politischen und religiösen Repräsentation Heinrichs des Löwen und seiner Nachfolger sowie der Entwicklung der Stadt zu einem bedeutenden Macht- und Handelszentrum im Hoch- und Spätmittelalter.
Was Objekte über Glauben, Macht und das Leben im Mittelalter erzählen
Die neu geschaffene Präsentation nimmt Fragen von historischer, gesellschaftlicher, politischer und religiöser Bedeutung der Objekte in den Blick. Dabei werden die Werke mit ihrem „Sitz im Leben“ erfahrbar und Bezüge für heutige Betrachter*innen nachvollziehbar. Die Kostbarkeiten vermitteln „Wert“ nicht nur als prunkvolle Meisterwerke. Sie spiegeln vielmehr die Hoffnungen, Vorstellungen und Lebenswirklichkeiten der Menschen des Mittelalters wider. Die Objekte wurden vor dem Hintergrund des Glaubens und der Hoffnung auf das ewige Leben geschaffen. Viele unter ihnen vermitteln persönliche, zeitgültige Vorstellungen, die über das Hier und Jetzt hinausgehen, erzählen von gesellschaftlichen Normen, religiösen Überzeugungen und mentalitätsgeschichtlichen Vorstellungen ihrer Zeit.
Museumsdirektor und Kurator der Ausstellung, Dr. Thomas Richter:
„Diese Interim-Ausstellung ist aus der harten Notwendigkeit eines temporären Umzugs entstanden. Wir nutzen aber die Chance, in einer Art neuer ‚Versuchsanordnung‘ die zukünftige Dauerausstellung, die wir 2031 in der sanierten Burg Dankwarderode eröffnen wollen, hier in ersten Schritten zu entwickeln. Diese Sammlung sucht ihresgleichen. Wir wollen dieses enorme Potenzial für ein lebendiges und hoch spannendes Museum mit Blick auf Besucher*innen jeden Alters nutzen!“
Der temporäre Umzug als Chance für neue Perspektiven auf die Sammlung
Der temporäre Umzug der Mittelaltersammlung ist durch den mangelhaften Zustand der technischen Infrastruktur in der Burg Dankwarderode notwendig geworden. Die Ausstellung bietet damit die erste Gelegenheit seit Jahrzehnten, die Werke der Sammlung in einer fundamental neuen Inszenierung zu erleben: Dank moderner Ausstellungstechnik, etwa verbesserter Beleuchtungssysteme, werden Materialität, Oberflächenstrukturen, feinste Details und die künstlerische Qualität der Objekte heute für die Besucher*innen sichtbar. Im Zuge des Transfers wurden zudem zahlreiche Werke konservatorisch untersucht, gereinigt, gesichert und digitalisiert. Hierzu zählt beispielsweise der seltene Blütenkranz des heiligen Cyriacus vom Ende des 15. Jahrhunderts. Umfangreich restauriert wurde unter anderem der Wandteppich „Königin von Saba“ (14. Jahrhundert), der nun wieder in seiner differenzierten Farbigkeit und Detailfülle sowie in der ursprünglichen Abfolge der Bildszenen zu sehen ist.
Ermöglicht und gefördert wird die Ausstellung durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die Braunschweigische Sparkassenstiftung, Die Braunschweigische Stiftung, die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz sowie die Öffentliche Versicherung Braunschweig.
Falko Mohrs, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur:
„Mit der neuen Ausstellung sind bedeutende Kulturschätze Niedersachsens in beeindruckend kurzer Zeit wieder zugänglich. ‚Rendezvous mit dem Löwen‘ präsentiert Objekte von internationalem Rang nicht nur als Einzelstücke, sondern ordnet sie zugleich in ihren historischen und kunsthistorischen Kontext ein. Mein besonderer Dank gilt dem gesamten Team des Herzog Anton Ulrich-Museums, das die Neupräsentation mit Expertise, Engagement und Herzblut umgesetzt hat.“
Oberbürgermeister Dr. Thorsten Kornblum:
„Mit der neuen Ausstellung im Herzog Anton Ulrich-Museum wurde ein würdiges Übergangsdomizil für unseren Burglöwen geschaffen. Eines der bedeutendsten Zeugnisse unserer Stadtgeschichte wird hier inmitten der Meisterwerke der mittelalterlichen Sammlung aus der Burg Dankwarderode präsentiert. Dass diese Kulturgüter auch während der dringend notwendigen Sanierung für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben, ist ein starkes Zeichen für den verantwortungsvollen Umgang mit dem kulturellen Erbe Braunschweigs. Hier wird nicht nur Geschichte bewahrt, sondern lebendig erlebbar.“
Vertiefende Einblicke in Pop-up-Ausstellung, Begleitheft und Veranstaltungsprogramm
Ergänzt wird die Präsentation durch eine parallele Pop-up-Ausstellung: Sie wird in loser Folge in sonderausstellungsfreien Zeiten gezeigt und widmet sich anhand großformatiger Reproduktionen der Geschichte der Burg Dankwarderode und des Burglöwen als zentralen Symbolen der Stadt Braunschweig. Seltene historische Fotografien, Kupferstiche und Zeichnungen illustrieren den Wandel der Burg vom mittelalterlichen Herrschaftssitz über ihre Zweckentfremdung als Kaserne bis hin zur Museumsnutzung, einschließlich ihrer Instrumentalisierung während der NS-Zeit, der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sowie des Wiederaufbaus in den folgenden Jahrzehnten. Die Pop-up-Ausstellung ist vorerst bis 12. April 2026 geöffnet, bevor sie ihren Platz für die neue Sonderausstellung „Cabinet of Wonders. Lothar Osterburg back from Brooklyn“ (Eröffnung: 23. April 2026) vorübergehend räumt.
Besucher*innen können im Museumsshop ein Begleitheft (160 Seiten) in deutscher und englischer Fassung erwerben, das neben zahlreichen Abbildungen auch ausführliche Hintergrundinformationen zur neuen Ausstellung enthält. Ein Heft, das alle Ausstellungstexte in einfacher Sprache bereithält, liegt in den Ausstellungsräumen zur kostenfreien Ausleihe bereit.
Um einen Zugang für ein breites Publikum zu ermöglichen, ist der Eintritt an jedem letzten Sonntag im Monat ab 14 Uhr kostenfrei. Ein vielfältiges Begleitprogramm lädt Besucher*innen jeden Alters ein, die Ausstellung und ihre Themen zu entdecken: Den Anfang macht der Familientag „Gemeinsam ins Mittelalter“ am 8. März von 11 bis 18 Uhr. Groß und Klein erwartet ein buntes Programm rund ums Mittelalter, beeindruckende Kunstwerke und kreative Aktionen für Kinder. Geplant sind außerdem Vorträge, Expert*innen-Führungen und ein Aktionsabend.
Quelle: PM 05.03.2026
