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Das Beste Nordindiens

Ein Reisebericht

Die Reise, auf die ich mich im September 2015 begeben habe, wurde unterstützt vom indischen Tourismusministerium und der Indian Association of Tour Operators und hatte das Ziel, das zuletzt angekratzte Image des Subkontinents wieder aufzubessern und den sinkenden Besucherzahlen aus Deutschland entgegen zu wirken.

Auch ich musste mir eingestehen, dass ich Vorurteile hatte und sich in meine Vorstellung von faszinierenden Menschen und spektakulären Landschaften, beeindruckenden Tempelanlagen und Palästen, unglaublicher Farbenpracht und kulturellem Reichtum auch Bilder von Dreck, Müll, Armut, abgemagerten heiligen Kühen und bettelnden Kindern, unvorstellbaren Menschenmassen und zweifelhaften hygienischen Zuständen mischten. Und auch die in deutschen Medien immer wieder präsente Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen hatte Spuren in meinem Kopf hinterlassen.

Einen ersten Eindruck bekam ich an Bord der Air India. Das Flugzeug, ein moderner Dreamliner, ist komfortabel ausgestattet, die Stewardessen wurden jedoch vermutlich nicht aufgrund ihrer ansteckenden Fröhlichkeit eingestellt und kamen mir etwas ruppig vor. Ich fragte mich unweigerlich, ob Menschen vielleicht so sein müssen, um sich in einem Milliardenvolk durchsetzen zu können. Mit diesen Gedanken beschäftigt, übersah ich beim Essen leider die Tatsache, dass es sich bei der vermeintlichen jungen Bohne um eine grüne Chili handelt und hatte prompt Tränen in den Augen, als sich die ganze Schärfe auf meiner Zunge ausbreitete. Willkommen in Indien!

Nach sicherer Landung auf dem Indira Gandhi International Airport in Neu-Delhi, dem mittlerweile größten Flughafen des Landes, ging es per Bus weiter nach Agra und damit gleich zu einem besonderen Höhepunkt der Reise, dem Taj Mahal.

Erbaut durch den Großmogul Shah Jahan zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal, gehört es heute zu den wohl berühmtesten Bauwerken der Welt und wurde bereits im Jahre 1983 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Heute gilt es wegen der vollkommenen Harmonie seiner Proportionen als eines der schönsten und herausragendsten Beispiele des Mogulstils.

Vor Beginn der Reise hatte ich befürchtet, dass ich nach einem durchwachten Nachtflug und 4 Stunden Busfahrt nicht mehr aufnahmefähig genug sein würde, um den Besuch des Taj Mahals so richtig genießen zu können. Diese Sorge erwies sich jedoch als völlig unbegründet, denn die Magie dieses Ortes zog mich sofort in ihren Bann und ließ sämtliche Müdigkeit verfliegen. Das Taj Mahal ist so unbeschreiblich schön, dass es sich schon allein für diesen Augenblick gelohnt hat, nach Indien zu reisen! Zwar musste ich meine Begeisterung mit zigtausend anderen Besuchern teilen, doch glücklicherweise waren die meisten von ihnen Inder, die mit ihrer farbenfrohen Kleidung einen gelungenen Kontrast zu der schlichten Eleganz der Bauwerke boten.

Der nächste Tag begann mit einem Ausflug nach Fathepur Sikri, der einstigen Hauptstadt des Mogulreiches, die im späten 16. Jahrhundert von Kaiser Akbar erbaut, aber wegen akuten Wassermangels wieder aufgegeben wurde. Die roten Sandsteingebäude sind so gut erhalten, dass man meinen könnte, der Kaiser und sein Hofstaat hätten die Stadt erst kürzlich verlassen.

Am Nachmittag führte der Weg in das imposante Rote Fort von Agra, dessen Bau im Jahre 1565 unter Kaiser Akbar begonnen und bis zu seinem Enkelsohn Shah Jahan fortgeführt wurde. Besonders beeindruckend sind die 2,5 km lange Doppelmauer aus rotem Sandstein und der unvergessliche Ausblick auf das gegenüber liegende Taj Mahal.

Der Abend hielt dann noch ein ganz persönliches Highlight bereit. In der Nähe unseres Hotels in Agra wurde in großem Stil eine indische Hochzeit gefeiert und die kurze Bemerkung des Reiseleiters, dass vermutlich jeder, der dort hingeht, problemlos mitfeiern kann, ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Zusammen mit zwei anderen Frauen aus meiner Reisegruppe, versuchte ich, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Beim Verlassen des Hotels wurden wir jedoch vom Sicherheitspersonal, welches in Indien vor jeder größeren Hoteltür zu finden ist, gebeten, nicht zu gehen. Schon drängte sich wieder die Frage auf, inwieweit es für weibliche Reisende tatsächlich gefährlich ist, sich bei Dunkelheit allein draußen aufzuhalten. Keine von uns wollte das Schicksal herausfordern und so folgten wir, wenn auch widerstrebend, der Bitte des Personals, welches daraufhin sichtlich erleichtert wirkte. Dann aber wendete sich das Blatt und wir bekamen unverhofften Geleitschutz von einem mitreisenden jungen Inder und seinem Freund.
Am Ende wurde aus dem Abend ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis. Wir bekamen die Gelegenheit, dem Hochzeitspaar persönlich zu gratulieren, wagten uns mit anderen Gästen zusammen auf die Tanzfläche und fühlten uns willkommen und sicher.

Am nächsten Morgen ging die Reise weiter mit dem Zug von Agra nach Jhansi und ich war gespannt, wie es sein wird, den geschützten Raum des Reisebusses zu verlassen und sich unter ganz normale indische Reisende zu mischen.

Schon der Aufenthalt auf dem Bahnsteig ermöglichte vielfältige Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen und schnell stand eines fest: Die Einheimischen sind an den Touristen genauso interessiert, wie umgekehrt und so wurde mehr als ein Smartphone gezückt um spontane Gruppenfotos zu machen.

Von Jhansi erfolgte die Weiterfahrt mit dem Bus nach Orchha, der einstigen Hauptstadt des gleichnamigen Fürstenstaats, die heute jedoch mit nur etwa 10.000 Einwohnern eher dörflichen Charakter hat.

Anders als auf dem ruhigen Yamuna-Highway von Delhi nach Agra ging die Fahrt nun über indische Landstraßen und war am Anfang durchaus gewöhnungsbedürftig. Mehr als einmal glaubte ich, mein letztes Stündlein hätte geschlagen, aber egal wie heikel eine Verkehrssituation aus meiner geordneten europäische Sicht auch aussehen mag, unser Busfahrer war die Gelassenheit selbst und so konnte ich mich nach und nach entspannen. Und wenn man erst mal weiß, dass einfach alle so lange auf der Mittellinie fahren, bis es gilt, dem Gegenverkehr kurzfristig auszuweichen, kehrt auch das Vertrauen ins eigene Überleben schnell zurück.

Davon abgesehen, bot die Busfahrt großartige Einblicke in das indische Leben entlang der Landstraße. Ich sah vieles, was meine ursprünglichen Vorstellungen von Indien bestätigte, merkte jedoch auch, dass ich bereits begonnen hatte, dass Land einfach so zu nehmen, wie es war. Und ich sah Dinge, die ich so nicht erwartet hatte, wie zum Beispiel die Schulklasse, die mit Transparenten für ein sauberes Indien warb. Sicher, es wartete viel Arbeit auf die lieben Kleinen, aber immerhin war es ein Aufbruch zu neuem Umweltbewusstsein.

In Orchha angekommen nahm ich Indien zum ersten Mal mit allen Sinnen wahr: Die tropisch-heiße Luft, die so viel schwerer auf der Haut zu liegen schien, als die nordeuropäische, die Farbenpracht, an der sich meine Augen nicht sattsehen konnten und die vielen unterschiedlichen Düfte und Gerüche.

Orchha Palace, zum Teil Bauruine mit bedenklich wirkender Substanz und nicht annähernd so prunkvoll wie die gestern bestaunten architektonischen Wunder von Agra, wurden schnell zum nächsten Höhepunkt dieser Reise. Vielleicht gerade deshalb, weil dieser Ort so anders war und sich nur wenige Besucher hierher verirrten.
Über abenteuerliche Treppen und holprige Stufen stiegen wir hinauf bis zu den höchsten Balkonen und genossen den Blick auf die Stadt und die umliegende Landschaft. Das Timing stimmte, denn gerade begann die Sonne unterzugehen und den Himmel in goldenes Licht zu tauchen.

Auch die Fahrt von Orchha nach Khajurao am nächsten Tag erfolgte mit dem Bus und wurde durch interessante Stopps in den Dörfern entlang der Strecke zum echten Erlebnis.
Die Tempelgruppen von Khajurao sind ebenfalls Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und gehören zu den bedeutendsten Touristenattraktionen Indiens.
Die Reliefs auf den Tempelwänden sind mehr als 1000 Jahre alt und zeugen von der erotischen Fantasie der Steinmetze. In Sandstein gehauen, zeigen sie Göttinnen, Himmelstänzerinnen, Fabeltiere – und vor allem viele Pärchen beim freizügigen Liebesakt in allen erdenklichen Positionen.

Am Schluss der Reise wartete die Hauptstadt Delhi und mit ihr ein Ort, an dem in meiner Vorstellung ein beängstigendes Gemisch aus chaotischem Verkehr, Smog, Dreck und Menschenmassen existierte.
Zugegeben, der Verkehr in der Rush Hour ließ den Bus nur langsam vorankommen, aber wenn ich ehrlich bin, ist das in deutschen Großstädten zur Hauptverkehrszeit kein bisschen anders. Und viele der Straßen waren weitaus größer, prächtiger und sauberer, als ich es vermutet hätte.

Am Ende wagte ich eine Tuk-Tuk-Fahrt im Feierabendverkehr, ging in Dowtown Dehli shoppen und zog sogar zum ersten Mal in Erwägung, etwas Essbares an einem der Straßenstände zu kaufen…..

Fazit

Das Ziel der Reise wurde in jedem Fall erfüllt! Der indische Veranstalter überzeugte mit sehr guter Arbeit, hervorragender Reiseleitung, einer idealen Gruppengröße und gut ausgewählter Route, auf der jeder Stopp zu einem echten Highlight wurde. Ich konnte meine vorgefasste Meinung an Ort und Stelle überprüfen, fand manches bestätigt, habe vieles relativiert und jede Menge neue Einblicke gewonnen. Wenn man bereit ist, sich auf Indien einzulassen, ist es ein wirklich faszinierendes Land – eben „Incredible India“!

Ein Beitrag von Katja Hoff

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