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KENNY KRIEGT DIE KRISE - LANDLIEBE

Kenny kriegt die Krise

Landliebe

Es hält sich hartnäckig das Gerücht das Leben auf dem Land sei unwahrscheinlich gesund und ja soviel lebenswerter. Zwei Arten von Menschen können diese Meinung vertreten. Menschen die noch nie in einem fünfhundert Seelen Dorf waren und Menschen die von dort noch nie weg waren.

Der Milka-esque Ausruf „Aah, ein Stadtmensch…“ wirkt auf den ersten Blick vielleicht weit hergeholt, begibt man sich als gebranntes Großstadtkind allerdings doch einmal in den kleinen, vertraulichen Kreis ländlicher Idylle, entspricht eine solche oder ähnliche Äußerung durchaus der Perspektive der man sich nach kürzester Zeit gegenübergestellt sieht. Denn wo sich Hase und Igel Gute Nacht sagen und man Nachts immer die Sterne sehen kann, und zwar aus jedem Fenster des Hauses, ist das Leben ein anderes.
Punkt eins der Faktoren, die mir persönlich ein Leben in einer Kleinst-Stadt unmöglich machen würden ist das Freizeitangebot oder besser gesagt das Nichtvorhandensein des letzteren. Bei meiner Stippvisite in der kleinen Gemeinde Bärheimshausen (Name geändert), tief in der schwäbischen Provinz, kam bereits nach wenigen Stunden die Erkenntnis, dass abgesehen von der Flucht in den Alkohol die Alternativen für eine sinnvolle Abendgestaltung mehr als dürftig aussahen.
Doch da waren sie wieder, meine drei Probleme. Die einzige Kneipe im Ort hatte Ruhetag, der Dorfbus, das einzige öffentliche Verkehrsmittel, hatte bereits Feierabend, ein eigener fahrbarer Untersatz stand nicht zur Verfügung und weit und breit war nicht einmal Ansatzweise ein Kiosk oder gar eine Tankstelle in Sicht, bei der man ein Trost spendendes Tröpfchen hätte ergattern können.

Was tun also? Die Antwort lag auf der Hand und versprach auch bereits in sich einen Hauch von Amüsement, ich würde Trampen! Wer Filme wie „Im Juli“ oder „Kleine Haie“ gesehen hat, weiß dass das Abenteuer an jeder zweiten Autobahnauffahrt nur so auf den spontanen Mitfahrer lauert, man muss nur den richtigen P- oder LKW anhalten und ab geht die wilde Fahrt. Mein Denkfehler lag bereits in eben diesem Ansatz, denn was ich nicht bedacht hatte war, dass die nächste Autobahn circa 50 km entfernt war und das Verkehrsaufkommen in der Sahara im Vergleich zur Umgehungsstrasse bei Bärheimshausen, im direkten Vergleich, quasi als hektisch durchgehen könnte. Eine Stunde und vierzig Minuten nachdem ich mich an die Strasse gestellt hatte schmiss ich auch diesen letzten verzweifelten Versuch etwas aus dem Abend zu machen hin und begab mich zurück in meine bescheidene Herberge und zu der mit blauweißem Rautenmuster bezogenen, extrem voluminösen Daunendecke, die mich in dem Bauernbett ein wenig wie die Scheibe Rindfleisch in einem Whopper mit Käse erscheinen ließ.

So wie ich die Lage einschätzte würde wohl auch kein niedliches Bauernmädel im hoch geschnürten Dirndl mehr vorbeischauen und bei mir „fensterln“, im übrigen das einzige nonurbane Freizeitkonzept das wirklich meine ehrliche Begeisterung verdient, und so schlief ich ein, mit einer kleinen Träne im leidgeplagten Auge und der geringen Hoffnung auf zumindest einen dieser Idee nahekommenden Träume. Ist es im übrigen schon jemand aufgefallen wie ausgesprochen schwer es ist bei absoluter Ruhe einzuschlafen?! Kein Vergleich mit der Kulisse in meiner 2-Zimmer Altbau-Papierwände-Wohnung mitten im Studentenviertel, wo die beiden taubenschlaggleichen Mädchen-WG’s zu beiden Seiten, konstant für einen mittleren Schnatterpegel sorgen. Nie hatte ich geglaubt sie so vermissen zu können. Ich fing an Schäfchen zu zählen und schlummerte schließlich langsam hinfort. So in etwa bei 7.388.453.

Text: Hendrik Menz (hendrik@menzmusic.com)


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