Kenny kriegt die Krise - Grippekrise

Kenny kriegt die Krise

Grippekrise

Man kann vieles über Männer sagen, kaum allerdings dass wir Weicheier wären. Außer in einem ganz speziellen Fall, nämlich wenn uns ein Schnupfen erwischt. Eine Erkältung oder gar eine ausgewachsene Grippe lassen den größten Rambo blitzartig zu Charleys Tante werden. Und kein Wunder, denn alles was einen Mann hart und cool aussehen lässt ist in Nullkommanichts verschwunden, mit einem einzigen Nieser. Ein einziges kleines „Hatschiii“ und kein Schwein hätte mehr Angst vor dem zuvor ach so Furcht einflössenden, übertrieben tätowierten Biker. Hypochondrie ist das schwere Los, dass die Natur dem Manne in die Wiege gelegt hat, mehr als fair wenn man bedenkt was die Damen abgekriegt haben, aber dennoch hart.
Als mich neulich nun wieder einmal eine dieser legendären Sommergrippen auf dem Kieker hatte, kam es mir bereits im frühesten Stadium schnell so vor als müsste ich mit großer Gewissheit daran sterben. Ich war fest davon überzeugt, immerhin war, neben einer laufenden Nase, ein durch Mark und Bein gehender Schluckschmerz das gravierendste Symptom. Und mal ganz im Ernst, krank sein kann ja mal ganz nett sein, solange man dabei noch Schmerzfrei die wichtigsten Körperfunktionen beherrscht. Essen, Trinken und Fernsehen. No Food, no fun, sage ich da nur. Also begab ich mich verzweifelt und meinem Gehabe nach zu urteilen, offensichtlich einem sehr schmerzhaften Tode nahe, zu meinem Hausarzt. Der Schmerz wich einem kurzen Moment dem Ärger über den Zehner Praxisgebühr, die ich abdrücken musste bevor die Arzthelferin auch nur ansatzweise bereit war, mich wenigstens mit ihrem Allerwertesten zur Kenntnis zu nehmen. Der Ärger darüber wiederum wich ziemlich schnell der Agonie und dem Entsetzen
beim Anblick des Wartezimmers. Sicherlich haben Rentner eine Menge Langeweile, warum also nicht ein bisschen Zeit, zu Lasten der sowieso schon auf dem Kopf stehenden Kostenpyramide im Gesundheitssystem, beim Arzt ihres Vertrauens verbringen, um sich das dritte Mal in diesem Monat bestätigen zu lassen, dass die Krampfadern keine chirurgische Priorität genießen. Dass ich dagegen bereits mit einem Bein im Nirvana und dem anderen in einer glitschigen Badewanne stand, interessierte diese geriatrischen Egomanen selbstredend wenig. Also saß ich hoch ansteckend meine Wartezeit ab, redlich bemüht eine maximale Dosis meiner Krankheitserreger in die Nähe der nervigen Teppichratten zu bringen, deren Mutter es für wichtiger hielt, die Gala zu studieren, statt ihren drei- und vierjährigen das Schlagzeugsolo mit Holzbausteinen auf Parkett auszureden. Wenn man schon in die Hölle gesogen wird, dann eben auch gleich mit nacktem Arsch über extra grobes Schleifpapier.
Eine Ewigkeit später erbarmte sich die Schwester und führte mich in einen Behandlungsraum. Eine geschickter Schachzug, aber wer jetzt denkt, man bekäme man den Arzt zu Gesicht, weit gefehlt. Es wird weiter gewartet, bis geraume Zeit später der Weißkittel letztlich doch noch ein Einsehen hat. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, streicht er mit dem Satz „Aspirin und Bettruhe“ wie eine laues Sommerlüftchen einmal quer durch den Raum, um direkt im nächsten Behandlungszimmer nebenan wieder zu verschwinden. Zutiefst unbefriedigt und den Hungertod vor Augen begebe ich mich also nach Hause um vorsichtig eine heiße Gemüsebrühe aus einer Schnabeltasse zu nippen und ein paar Aspirin einzuwerfen. Wenigstens geht gleich das „Loveboat“ los.

Text: Hendrik Menz (hendrik@menzmusic.com)