Wir werden erwachsen

Wo rast die Zeit nur hin? Manchmal kommt es mir vor, als sei es gestern gewesen, als ich in meinem Zimmer saß, auf meinem Katzenteppich und mit Playmobil gespielt habe. Als man noch stundenlang im Spielen versinken durfte und Ferien genießen konnte. Als die Welt noch nicht von Smartphones und dem Internet eingenommen war. Der Katzenteppich wurde gegen einen PVC-Boden in Dielenoptik eingetauscht und das Playmobil gegen Arbeit. Es liegen 14 Jahre zwischen meinem damaligen Ich und meinem Jetzigen, doch so lange kommt es mir nicht vor.

Manchmal kommt es mir vor, als sei es gestern gewesen, als mein Hund Jamie noch ganz klein war. So klein, wie sein Kopf heute groß ist. Als ich ihm noch die ganze Welt zeigen musste und er über nichts Bescheid wusste. Als ich ihm Dinge beigebracht habe und ihm gezeigt habe, wie aufregend das Leben ist. Und heute? Über drei Jahre später ist mein Hund nun erwachsen, aus der Pubertät raus – auch wenn er das manchmal vergisst – und weiß größtenteils wie das Leben funktioniert. Oft denke ich, er ist ganz schön weise, denn er zeigt einem Tag für Tag, dass man im Hier und Jetzt lebt und jede Sekunde genießen muss. Jeden Baum beschnüffeln sollte, die Nase in die Sonne strecken und sich den Kopf kraulen lassen, so oft wie es nur geht.

Es kommt mir so vor, als würde die Zeit verfliegen. Aber nicht einfach nur ein bisschen, sondern mit 240 km/h. Sie rast, ohne zu rasten. Als Kind kann man es gar nicht erwarten, bis wieder Weihnachten ist, wieder Ferien sind, man wieder Geburtstag hat. Man will nur eines: Älter werden. Erwachsen sein muss super sein, denn dann darf man alle Entscheidungen selbst treffen. Warum hat uns niemand gesagt, dass Entscheidungen zu treffen nicht immer einfach ist? Dass Kinder es gut haben, wenn sie Eltern haben, die für sie wichtige Entscheidungen treffen. Du musst zur Schule gehen, du brauchst ein Hobby, treff deine Freunde. Wenn man erwachsen ist, dann muss man sich selber um alles kümmern: Bildung, Freizeit, soziale Kontakte. Es ist zeitweise ermüdend und scheint nicht machbar, alles unter einen Hut zu bekommen. Jeder, der anderes behauptet, lügt sich an.

Da wäre es doch echt toll ein Hund zu sein. Hunde sind wie Kinder. So ist es tatsächlich. Auch wenn Jamie nun erwachsen ist, so muss er keine Entscheidungen alleine treffen. Ich trage die Verantwortung für ihn. Was er frisst, wann er rausgeht, wen er sieht und was er besser lassen sollte. Ich lerne zwar von ihm das Leben zu genießen, doch das Leben innerhalb gesteckter Grenzen zu genießen, das lernt er von mir. Er schlägt sich so gut, dass man ihn als Vorbild nehmen kann und sollte.

Die Zeit rast zwar, doch wir müssen nur lernen, uns ihrem Tempo anzupassen. Die Chancen zu ergreifen, die sich bieten. So zu leben, dass wir unsere Entscheidungen nie bereuen werden und niemals zu vergessen, sich Zeit zu nehmen, die Nase in die Sonne zu strecken.

Text: Annika Schwedhelm