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PREMIERE VON ANTON TSCHECHOWS "DER KIRSCHGARTEN"
 

Ein Abschieds- sowie Aufbruchsstück, auch für Generalintendant und Regisseur Wolfgang Gropper in seiner letzen Spielzeit am Staatstheater Braunschweig

Am 03.10. wurde die Premiere der Komödie „Der Kirschgarten“ unter der Regie von Wolfgang Gropper vor ausverkauftem Haus im Staatstheater Braunschweig aufgeführt.
Die gesellschaftskritische Tragikkomödie spielt auf einem Landgut mit einem Herrenhaus, das von lauter Kirschbäumen umgeben ist. Anja (Louisa von Spies), die Tochter der Gutsbesitzerin, holt ihre Mutter (Marion Bordat) aus Paris zurück, wohin sie fünf Jahre zuvor, nachdem ihr Sohn im nahe gelegenen Fluss ertrank, mit ihrem Geliebten geflohen war. Der Bruder der Gutsbesitzerin verschwendete, wie diese in Paris, das Geld und somit war das Anwesen so hoch verschuldet, dass es versteigert werden musste.
Der ehemalige Leibeigene der Familie Lopachin (Mattias Schamberger), mittlerweile ein reicher Kaufmann, schlägt zur Rettung des Grundstücks vor, die Kirschbäume zu fällen und dort Datschen zur Vermietung zu errichten. Eine andere Alternative, die Hochzeit zwischen Lopachin und Warja (Ulrike Requart), der Pflegetochter von der Gutsbesitzerin Ranewskaja, scheitert an beiden Charakteren.
Die beiden Geschwister halten an dem Kirschgarten, sowie den Erinnerungen daran fest und werden vom Schicksal zum Aufbruch getrieben. Das Gut wird von Lopachin erworben, die Familie verlässt das Haus, feiert jedoch zuvor ein großes Fest.

Überzeugend, emotional, frisch, facettenreich und komisch anrührend

Dieses Stück ist ein Ensemble-Stück und kommt dem Wunsch Groppers nach, in den künstlerischen Austausch mit möglichst vielen Schauspielern seines Ensembles zu treten.
Bis in die kleinste Rolle ist es ihm gelungen, die Rollen adäquat zu besetzen.
Besonders herausragend, die junge Schauspielerin Louisa von Spies, sehr überzeugend, natürlich und von einer anmutigen Frische.
Für Marion Bordat eine Paraderolle, in der sie den Raum für die facettenreiche Emotionalität erhielt und nutzte.
Clemens Giebel als ehemaliger Erzieher des verstorbenen Sohnes, agierte gleichfalls überzeugend bis zum Teil komisch anrührend in seinen intellektuell gefärbten Monologen über das Leben, welches er selbst nicht zu leben wagte.
Dieter Schaad als Diener Firs, berührte durch seine sparsame Gestik und verschaffte am Ende des Stücks durch seine Präsenz Gänsehaut.


 

Der Kirschgarten Foto: Franz Schlechter


 

Woran liegts?

Lag es am Bühnenbild, dem Bau oder der Artikulation?
Es war insbesondere am Anfang schwer, den Text zu verstehen. In dieser Beziehung sind die Schauspieler Marion Bordat, Louisa von Spies, Ulrike Requat und Clemens Giebel jedoch deutlich auszunehmen und positiv hervor zu heben.

Groppers Inszenierung ist als gelungen zu bewerten. Die Charaktere wurden passend besetzt und gaben diesem inhaltsschweren Stück einen würdigen Ausdruck.
Obwohl dieses nach 13 Jahren seiner Intendanz seine letzte Inszenierung war, bekundete Gropper in seiner Rede, dass keineswegs Abschiedsstimmung herrsche, „...denn: gearbeitet wird bis zuletzt“.
Darin scheint er so kompromisslos zu sein, wie die Charaktere in Tschechows Kirschgarten.
Gropper vermied auch nicht, die durch den anhaltenden Streik ausgedünnte technische Mannschaft zu erwähnen und seinen Dank zu bekunden. Gleichzeitig galt sein Appell zu wiederholten Male den Tarifpartnern zur „schnellst möglichsten Einigung“.

Gratwanderung zu neuen Maßstäben?

Zum einen beeindruckend, zum anderen gemischte Gefühle hinterlassend, war das Pflichtbewusstsein der Schauspielerin Nientje Schwabe, hier in der Rolle der Dunjascha zu erleben:
Vor der Vorstellung gab der Regisseur bekannt, dass sie am Morgen der Premiere ein Hexenschuss ereilte, sie aber alles dafür tat, um am Abend dennoch spielen zu können. Er bat das Publikum um Nachsicht, da sie ihre Rolle aufgrund dessen nicht voll auszuspielen vermochte.
Wer einmal unter einem Hexenschuss leiden musste, weiß, was es bedeuten kann, „alles dafür zu tun“, um sich annähernd schmerzfrei bewegen zu können. „Alles“ ist zumeist nicht frei von Nebenwirkungen sowie Folgeschäden. Nientje Schwabe meisterte diese Hürde souverän, doch bleibt ein fader Nachgeschmack, ob diese Auffassung von Pflichterfüllung für einen ungestörten Theaterabend des „hochverehrten Publikums“, für die Unversehrtheit eines Menschen steht und umso mehr für die Maßstäbe, die dadurch gesetzt werden.

Text: Alkmini Nelsen
Fotos: Franz Schlechter (Staatstheater)


 

Der Kirschgarten Foto: Franz Schlechter


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