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KRITIK - JULI ZEHS "CORPUS DELICTI"

Das etwas andere Theaterstück

Ähnlich wie in Orwells „1984“ und in Huxleys „Schöne Neue Welt“ wird in Juli Zehs Theaterstück auf gesellschaftliche Tendenzen verwiesen, die Ängste auslösen können. Im Jahre 2057 basiert das vorherrschende Gesellschaftssystem, fernab eines jeden demokratischen oder nationalstaatlichen Denkens, auf der Idee der umfassenden Gesundheit des Menschen als entscheidendes Kriterium für sein persönliches und das Allgemeinwohl.
Zum obersten Staatsziel auserkoren, begeht jeder, der bereits eine Zigarette raucht - laut Gesundheitsordnung - eine Straftat im Sinne des Missbrauchs toxischer Substanzen. Er muss befürchten, als potenzieller Verschwörer und Umstürzler der Terrorgruppe „Recht auf Krankheit“ entdeckt und im Namen der „Methode“, der Staatsgewalt, verfolgt und abgeurteilt zu werden. Ein Querdenker, wie der Philosophiestudent Moritz Holl - überzeugend gespielt von David Kosel - der, herumkauend auf einem nicht keimfreien Grasshalm, lieber seine Beine in das von Bakterien verseuchte Wasser des nahen Badesees hält, als sich um deren Konzentration in seinen eigenen vier Wänden zu scheren, muss diesem System so befremdlich erscheinen, dass er folgerichtig weggesperrt gehört. Auch soll er eine Frau getötet haben, mit der er durch die staatliche Partnerschaftsvermittlung verabredet war. Ein DNA - Test weist Moritz als Täter aus, die schlüssige Beweiskette macht ein Geständnis von ihm obsolet. Sein Freitod im Gefängnis gehört aber zu jenen Konfliktfällen, die das Drehbuch der „Methode“ nicht vorsieht, da die Gesellschaft als Höchststrafe nur den Scheintod im Sinne eines lebenslangen Einfrierens kennt. So hinterlässt er seiner Schwester Mia - einfühlsam gespielt von Rika Weniger - und dem Publikum mehr Fragen als Antworten.
Zwischen ermittelnder Staatsanwaltschaft und dem Pflichtverteidiger wird der Zuschauer nun auf eine rasante Ermittlungstour mitgenommen, in der sich Mia, die stille Befürworterin der hiesigen Gesellschaftsordnung, zur Idolfigur einer Bewegung mausert, die nach gesellschaftlichen Veränderungen verlangt. Durch einen Beamer, der einige Vitalfunktionen der Beschuldigten an die Wand des Gerichtssaals wirft, wird dem Publikum sehr intensiv der Eindruck vermittelt, direkt dem Geschehen beizuwohnen. Ein Erzähler sowie das Stilmittel der Rückblende lassen vergangenes Geschehen, das zum Verständnis des Stücks beiträgt, wieder aufleben. Der Schluss reiht sich nahtlos in die vorher entwickelte Handlung ein und enthält doch eine unvorhergesehene Wendung: die zum Scheintod verurteilte Mia soll im Sinne der „Methode“ umerzogen werden. Der Zuschauer kann sich sofort in Mias Gedankenwelt hineinversetzen, als sie ausdruckslos und mit weit aufgerissenen Augen beim Verlesen ihrer „Begnadigung“ in die Weite des Raumes starrt: Die „Methode“ duldet keine Märtyrer!
Crescentina Dünßer inszeniert gekonnt die Handlung einer beängstigenden Zukunftsvision, die im Zusammenspiel aller Protagonisten eine bedrückende Dynamik erfährt. Das eher schlicht gehaltene Bühnenbild und die einzelnen Requisiten (die neueste Zeitungsausgabe des „Gesunden Menschenverstands“, das futuristisch anmutende Wächterhaus, in dem der Fernseher durch den Heimtrainer zur täglichen Leibesübung ersetzt wird) überlagern die Aussage des Stückes nicht zusätzlich. Annie Lenks Kostümwahl ist eher der Gegenwart entnommen und verzichtet im Gegensatz zu Orwells negativer Utopie auf ein uniformes Erscheinungsbild.
Juli Zehs „Corpus Delicti“ bot dem Braunschweiger Premierenpublikum eine düstere Zukunftsvision die nachdenklich stimmen muss. Ihrem Theaterstück sind bei weiteren Aufführungen viele Zuschauer zu wünschen.

Ein Beitrag von Dirk Exner für BS-Live!


 

Corpus Delicti Im Bildvordergrund - die Biologiestudentin Mia (Rika Weniger) mit ihrem Bruder Moritz (David Kosel)


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