Jeder Konflikt kann zu Gewalt führen

Ob ein Großprojekt einvernehmlich mit der Bevölkerung beschlossen werden kann oder in einer Eskalation mündet, haben Forschungsteams aus Sozialwissenschaften, psychologischer Vertrauensforschung, Sozialpsychologie, Rechtswissenschaft und Bauingenieurwesen der drei niedersächsischen Universitäten Braunschweig, Göttingen und Hannover untersucht. Drei Jahre lang haben sie Muster der Eskalation und Deeskalation bei der Kommunikation großer Infrastruktur- und Bauvorhaben erforscht.

Die Ergebnisse ihres von der VolkswagenStiftung im Rahmen des „Niedersächsischen Vorab“ geförderten Verbundprojekts wurden heute, am 01. September 2017 im Rahmen eines Workshops vorgestellt und diskutiert.

Jeder Konfilkt kann zu Gewalt führen. (Foto: pixabay)

Der erste Eindruck zählt
Ob ein großes Bau- oder Infrastrukturprojekt auf Widerstand in der Bevölkerung stößt, entscheidet sich oftmals gleich zu Beginn. Subjektiv Betroffene bilden sich frühzeitig eine Meinung, indem sie ihre Einstellung zu gesamtgesellschaftlichen Anliegen und persönlichen Werten auf die konkret anstehenden Vorhaben übertragen. Das grundsätzliche Vertrauen in die Gesellschaft, ihre zentralen Institutionen und Personen ist eine wesentliche Grundlage für Eskalationsvermeidung, kann aber im Konfliktprozess kaum aufgebaut werden. Politische, rechtliche, technische und andere Rahmenbedingungen können dann einen einmal begonnenen Eskalationsprozess verstärken. Kein einzelner Faktor aber ist allein verantwortlich für Eskalation.

Deeskalation muss – darin stimmen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überein – daher immer vorbeugend erfolgen. Sie muss einerseits darauf zielen, Legitimitätsdefizite ganzheitlich zu vermeiden. Zum anderen müssen Planungen spezifische situative Faktoren berücksichtigen, um zu verhindern, dass ein Projekt zur Arena größerer Konflikte wird.

Beteiligung: Je früher, umso besser
Unzureichende Transparenz und undeutlich oder uneinheitlich kommunizierte Beteiligungsmöglichkeiten an der Planung und der Durchführung von Großbauprojekten tragen zur Konflikteskalation bei. Dem Wunsch der Bürgerinnen und Bürger nach kooperativem Handeln mit Verwaltungen und Entscheidern wird dann nicht hinreichend nachgekommen.

Lösungsansätze sieht das Team um Prof. Jutta Stender-Vorwachs, apl. Professorin am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht der Leibniz Universität Hannover, wenn das Vertrauen in legislative Entscheidungen gestärkt wird. „Wir gehen der Frage nach, ob und wie die rechtlichen Rahmenbedingungen für Partizipationsprozesse an (großen) Infrastruktur- und Bauvorhaben verbessert werden können“, sagt die Rechtswissenschaftlerin. Eine gesetzlich vorgeschriebene frühe Öffentlichkeitsbeteiligung sowie Mediationsverfahren erachtet sie als sinnvoll.

Nutzen sichert nicht die Akzeptanz
Der Forschungsschwerpunkt des Teilprojekts Ingenieurwissenschaften lag einerseits auf der Analyse von Nutzen-Kosten-Bewertungen und andererseits auf der Rolle von Bürgerbeteiligungen in den Planungsprozessen. Während der Nutzen großer Baumaßnahmen in der Regel aus der Sicht der Träger feststeht, und kommuniziert wird, steigen die geschätzten Kosten im Laufe des Planungsvorhabens mit dem Detaillierungsgrad der Planung. „Mit der steigenden Planungstiefe nimmt aber auch die öffentliche Wahrnehmung eines Vorhabens zu. Gleichzeitig werden die Entscheidungsspielräume von Behörden und Vorhabenträgern immer kleiner. Das steigert das Konfliktpotenzial“, sagt Prof. Thomas Siefer vom Institut für Verkehrswesen, Eisenbahnbau und
-betrieb der TU Braunschweig. Sein Fazit: „Eine frühe Öffentlichkeitsbeteiligung kann die Planung effizienter machen und die lokalen Belastungen reduzieren.“

Im Teilprojekt wurden mehr als 100 Vorhaben ausgewertet und daraus ausgewählte Großprojekte genauer analysiert.

Eskalationsskala von Kompromiss- bis Gewaltbereitschaft
Gemeinsam haben die Teilprojekte Vertrauensforschung und Sozialpsychologie eine Skala zum Eskalationsverhalten entwickelt. 19 Verhaltenskategorien ließen sich in sechs Eskalationsstufen unterteilen. Ob Bürgerinnen und Bürger in ihrem Protest gewaltfrei vorgehen oder es zu Sachbeschädigungen oder gar Gewalt gegen Personen kommt, hängt von personalen Eigenschaften wie beispielsweise die grundlegende Protestbereitschaft und der situativen Betroffenheit der Bürgerinnen und Bürger ab. Eine besondere Rolle kommt dem Vertrauen in die beteiligten Akteure zu: Je stärker von einem Vorhaben betroffene Bürgerinnen und Bürger den Entscheidungsträgern vertrauen, desto weniger eskalativ fallen ihre Proteste aus. Integrität, Unterstützung, Kompetenz und Sachbezogenheit können Vertrauen fördern. Aber wie steht es um dieses Vertrauen? Auch das haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersucht: Die Mehrzahl von 450 Studierenden der TU Braunschweig gab im Rahmen ihrer Befragung an, dass ihr Vertrauen in gesellschaftliche Systeme und Institutionen in den letzten zwölf Monaten abgenommen hat auch wenn dies nicht längsschnittlich erhoben wurde, deutet dies auf eine Bedrohung erlebten Vertrauens hin. „Die Studie ist noch nicht repräsentativ“, erläutert Prof. Barbara Thies vom Institut für Pädagogische Psychologie der TU Braunschweig. „Wir vermuten allerdings, dass das Vertrauenserleben junger, gebildeter Erwachsener als zukünftige Gestaltende unserer Gesellschaft fragil ist.“

Die Ergebnisse zur Vertrauensforschung wurden anhand von Interviews, Expertenbefragungen und Online-Studien gewonnen. Im nächsten Schritt soll die hier erstmals entwickelte Skala validiert, also für die Anwendung auf ähnliche Szenarien überprüft werden.

Gleich und Gleich gesellt sich gern
Das Teilprojekt Sozialpsychologie hat außerdem untersucht, welchen Einfluss vorgefasste Meinungen auf den Umgang mit Sachinformationen zu Großprojekten haben. Gerade Personen mit ausgeprägter Voreinstellung werden kaum durch widersprechende Informationen beeinflusst. Denn sie halten meinungskonträre Informationen systematisch für weniger wichtig, glaubwürdig und überzeugend als meinungsunterstützende Informationen. „In solchen Fällen können vermeintlich klärende Sachinformationen unter Umständen sogar zu einer stärkeren Eskalation der Situation beitragen“, sagt Prof. Stefan Schulz-Hardt, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Göttingen. „Wer ausgeprägte Meinungen hat, tendiert dazu, alle neuen Informationen im eigenen Sinne umzudeuten.“ Dagegen könne der persönliche Kontakt mit Menschen, die einen gegensätzlichen Standpunkt vertreten, zumindest kurzfristig zu einer inhaltlichen Annäherung führen.

In Labor- und Onlinestudien sowie begleitender Feldforschung zu verschiedenen niedersächsischen Infrastruktur- und Bauprojekten zeigt sich konsistent, dass die Art, wie Informationen gesucht, bewertet und an Dritte weitergegeben werden, die individuelle Voreinstellung beeinflusst.

Medien sind nicht ursächlich
Das sozialwissenschaftliche Teilprojekt analysierte den Einfluss der Zeitungsberichterstattung auf Eskalationsprozesse. Bereits bei niedriger Protestintensität steigt die lokale Medienberichterstattung. Die nationale Berichterstattung setzt in der Regel erst bei hoher Protestintensität ein. Die Berichterstattung kann die Proteste zwar verschärfen, eine ursächlich-auslösende Wirkung konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedoch nicht nachweisen.

Vom Gegner zum Teufel
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten über 2.000 Artikel zu Stuttgart 21. Anhand einer quantitativen Befragung von mehr als 1000 Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmern aus Gegnern und Befürwortern von Stuttgart 21 wies das Team eine verzerrte Eigen- und Fremdwahrnehmung der befragten Befürworter und Gegner nach.

„Wir haben festgestellt, dass Sachargumente stark mit Personen verknüpft werden“, sagt Prof. Nils Bandelow, Institut für Sozialwissenschaften der TU Braunschweig. „Dabei wird den Vertretern der jeweiligen Gegenseite gern Bösartigkeit unterstellt. Die Wissenschaft kennt dieses Phänomen als ‚Devil Shift‘. Der Einfluss der Gegner wird zudem gern überschätzt.“ Die Repräsentanten der eigenen Position würden dagegen häufig idealisiert (Angel Shift).

Verlässliche Grundlagen für Planung und Kommunikation
„Aus unserer Sicht sollte der Projektverbund der erste Schritt zur Institutionalisierung interdisziplinärer Eskalationsforschung in Niedersachsen sein. Unser Ziel ist es, verlässliche wissenschaftliche Grundlagen für die Planung und Kommunikation von Großprojekten zu schaffen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass es Wege gibt, legitime, partizipative, sachlich angemessene und von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragene Projekte umzusetzen. Aber hier gibt es noch etliche offene Fragen. Sind unsere Ergebnisse zu den großen Bauvorhaben zum Beispiel auch auf andere Prozesse übertragbar, etwa auf die Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg? Wie Eskalation entsteht und wie man sie vermeiden kann, wollen wir künftig weiter erforschen“, sagt Bandelow.

Quelle: TU Braunschweig