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"66/67 FAIRPLAY WAR GESTERN" |
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Auftakt zum 23. Internationalen Filmfest
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Dieser Eröffnungsfilm gäbe keinen Grund zum Jubel, so wie die Stadt Braunschweig keinen Imagegewinn davon trage, so die geäußerten Befürchtungen von Braunschweigs Oberbürgermeister Gert Hoffmann zum Start des 23. Internationalen Filmfests Braunschweig. Von welchem „Image“ ist hier die Rede, darf hier die Rede sein? Dem, dass nur zahlungskräftige Menschen sich in der Löwenstadt heimisch fühlen sollen? Braunschweig als Vorzeigestadt: sauber, geordnet, ruhig und dabei bitte auch noch intellektuell und kulturell? Als Braunschweigerin erlaube ich mir, die Verantwortung und die Ehre einen Beitrag für das Image der Löwenstadt Braunschweig zu übernehmen, bzw. zu leisten:
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Finger in die Wunde aller
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Für mich bietet dieser Film Anlass zum Jubel. Ich bin eine Frau, habe Ahnung von italienischen Schuhen aber null Ahnung vom Fussball. Ein No-Go um hierüber zu schreiben? Mitnichten! Dieser Film legt den Finger in die Wunde der Gesellschaft, die Wunde einer Gesellschaft, die keine Schicht ausnimmt – obwohl manche Schichten durch Titel, Geld und Status in der Lage sind, den Blick auf ihre Wunden zu verschleiern; vorübergehend. Was für ein ehrenvolleres Image könnte Braunschweigern zuteil werden als dieses, nämlich den Blick hinter die Fassade zu wagen und zu ertragen? Wer sich auch nur ein wenig mit dem Film befasst hat wird feststellen, dass die Eintracht Braunschweig Fans für diesen Film als Symptomträger dienen durften, doch ist diese Rahmenhandlung austauschbar, wie zum Beispiel durch die eines Politthrillers. Doch jene, die sich trauen hinzusehen, werden einen authentischen Film erleben, da werden Wahrheiten benannt, bleiben Fragen offen und müssen aus der Befürchtung, diese womöglich nicht beantworten zu können, nicht vertuscht werden.
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Die Zeit der Projektionen ist abgelaufen
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66/67 – Fairplay war gestern, handelt von einer Generation, die nicht erwachsen werden will, sich weigert, das Leben eigenverantwortlich zu beseelen. Für die sechs Freunde Florian (Fabian Hinrichs), Otto (Christoph Bach), Henning (Maxim Mehmet), Christian (Christian Ahlers), Tamer (Fahri Ogün Yardim) und Mischa (Aurel Manthei), bildet der Fanclub des Fußballvereins Eintracht Braunschweig das Zentrum ihres jeweiligen Lebens. 66/67 das Jahr, in dem Eintracht Braunschweig Deutscher Meister wurde, in dem aber noch keiner der sechs Freunde geboren war, soll mit einem Branding auf der Brust, Werte wie Freundschaft und bedingungslosen Zusammenhalt symbolisieren. Diese Projektion gelingt der Gruppe insbesondere durch radikale Gewalt gegen die, die nicht mit ihnen sind, wobei Schmerzen hier völlig ausgeblendet werden. Doch so wie der Kinderfuß aus dessen Schuh wächst, wachsen auch die individuellen Probleme der Protagonisten und verlangen ihren eigenen, ihnen zustehenden Raum – und dafür reicht das Stadion nicht mehr aus. Die Zeit, an der sich ihre eigenen Probleme auf den Verein projizieren ließen, ist abgelaufen.
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BS-live im Gespräch
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BS-live hatte auf dem Filmfest die Gelegenheit mit einigen Hauptdarstellern, sowie mit den beiden Regisseuren, über den bereits auf dem Internationalen Zürichfilmfestival als bester „Deutschsprachiger Spielfilm“ ausgezeichneten Film, zu sprechen.
Maxim Mehmet in der Rolle des Polizisten Henning, der in der Clique einen Gegenpol zu der spießigen (Polizisten)-Familie, samt des dominanten Vaters findet, beschreibt die dargestellte Vater-Sohn-Beziehung zunächst als „schwierig“. Im Gespräch kristallisiert sich der Emanzipationsversuch Hennings aus der ambivalenten Beziehung zu seinem Vater (Bernhard Schütz in einer Doppelrolle - auch als Florians Vater) heraus. So ambivalent wie die Vater-Sohn-Beziehung, war auch seine Position zur Gruppe: Im Polizeialltag angepasst und im zwischenmenschlichen Umgang erfahren, nach Feierabend das schwarze Schaf der Familie. Doch der Spagat misslingt. Ob für ihn, Maxim Mehmet, bei Einstudierung des Drehbuchs ersichtlich war, dass Christian (Christian Ahlers) eine dramatische Schlüsselfigur darstelle? Nein, Christian habe zwar „eine kleine Schacke“, doch es war klar, dass dies von der Gruppe getragen, aber nicht hinterfragt würde. So sei auch er von der Rolle, die Christian konsequenter Weise zu spielen hatte, überrascht gewesen.
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Blicke und Ausdruck lassen sich nicht schneiden
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Christian Ahlers, in der Rolle des zwanghaften und kontrollfixierten Christian, der sein Leben minutiös durchzuplanen versucht, einschließlich des Lebens seiner Freundin Mareille. Ein Charakter der große Schauspielkunst verlangte und bekam. Die latente Angst eines Menschen, der sich in seine Aufzeichnungen und Berechnungen über sein geplantes – spießiges – Leben flüchtet und nicht etwa die Person sieht und einbezieht, die er zum Gegenstand seiner Planung macht, nämlich seine Freundin, sondern den Anführer der 66/67 Clique, der Projektionsfläche aller Protagonisten. Als seine Freundin durch eine eigene Entscheidung auf sich aufmerksam macht und ihr Recht auf Selbstbestimmung einfordert, bricht der Damm und Christian lebt seine wahren Gefühle, hier in unkontrollierter aber konsequenter Form, aus. Der Weg dorthin, vom ersten bis zum letzten Bild: hervorragend! Bescheiden fügt der Schauspieler hinzu, dass es wohl auch an dem Schnitt des Films lag. Nein, Blicke und Ausdruck lassen sich nicht schneiden, es war einfühlsames Spiel, grandios in Szene gesetzt!
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Kulturelles Klischee außer Szene gesetzt
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Fahri Ogün Yardim spielt den geerdeten Tamer, der die Gaststätte seines schwer kranken Vaters zu verwalten hat. Er verfügt nicht mehr über die Energie, sich auch noch um die Cliquen-Familie zu kümmern. Die Zuschauer erleben in diesem Film eine atypisch türkische Familie, sämtlichen Klischees trotzend. Fahri Ogün Yardim beschreibt zwar, dass auch seine Rolle die Überforderung mit dem Erwachsenwerden ausfülle, doch wird der Zuschauer hier durch eine voll integrierte türkische Familie überrascht. Die beiden Regisseure Carsten Ludwig und Jan Christoph Glaser stellten sich dieser Frage und merkten an, dass auch die Erfahrungen mit türkischstämmigen Mitbürgern in der im Film dargestellten Art und Weise real sind. Die Problematik, wie sie auch in den Medien aufgegriffen würde, nämlich das Bild des sich integrationsverweigernden türkischen Migranten existiere zwar, doch würden die zahlreichen Beispiele gelungener Integration zu häufig ignoriert werden. Aber auch hier sei festzustellen, dass beide Extreme immer mehr auseinander gingen, weil es, wie in anderen Gesellschaften auch, zunehmend an der Mittelschicht fehle. Dieses führe häufig zur Verzerrung des Gesamtbildes einer Nation und würde mit Vorurteilen belegt.
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Kranke Charaktere – Kranke Gesellschaft?
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Was fesselt die Macher des Films an „kranken“ Charakteren? Schließlich ist dieser Film der zweite nach „Detroit“ welcher von einem „Borderliner“ handelt. Sind die Figuren schon vorher krank oder soll der Zeigefinger auf die böse Gesellschaft gerichtet werden? Nichts derartiges, es sei das reine Interesse an diesen Figuren, so Glaser, der sich hierbei als Beobachter „aus der Ecke heraus“, fühle. Auch Ludwig bestätigte dies, der Film habe keine Antworten und „keine Message“ sondern nur Fragen, Fragen an denen sich jeder Mensch sein Leben lang abarbeitet. So fragte auch ich an dieser Stelle nach dem Vater-Sohn Konflikt, der nur bei zwei Protagonisten deutlich aufgegriffen wurde, nämlich bei Florian und bei Henning. Das Vater-Sohn Thema sei insofern pointiert umgesetzt, als dass der Vater der beiden, von ein und demselben Schauspieler eingesetzt, als „ein Organismus“ dargestellt wurde – ein intelligenter Gedanke! Sicher hätte man hier auch noch ausführlicher werden können, nur stoße man hier auf die Grenzen des Machbaren, so die Regisseure, die ohnehin schon 30 Minuten des Film gestrichen hätten.
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Was findet sie nur an ihm?
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Die beiden ließen in diesem Kinofilm nichts aus, verschonten auch nicht die angeblich so emanzipierten Frauen. Melika Foroutan, hier als Özlem, Tamers Schwester zu erleben, gelingt es, die unabhängig und selbstbewusst erscheinende Schauspielerin, die ihr - nach scheinbar erfolgreicher Abnabelung - eigenes Leben in Berlin aufgebaut hat, überzeugend darzustellen. Während des Films fragt frau sich zunehmend, was diese an Florian, dem Anführer der Fußball-Clique, der sein Einser Ingenieur-Diplom verschweigt wie andere Leute eine Leiche im Keller, findet. Doch da haben die Regisseure, wenn nicht eine Antwort so doch einen Spiegel parat, dessen Spiegelbild fast jede Frau schon einmal begegnet ist: auch hier ein Bruch in der scheinbar glatten Biographie. Mutig und konsequent thematisiert!
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Die letzten Tabus
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Schließlich macht das Duo auch nicht vor dem Thema HIV und Homosexualität halt. Otto (Christoph Bach) hier in der Rolle des Arbeitslosen, der seine homosexuelle Neigung vor seinen Freunden zu verheimlichen versucht und dann mit der Arroganz eines Hilflosen, eine Tugend aus seinem Scheitern und der daraus hergeleiteten Gewaltbereitschaft zu machen versucht. Schließlich Mischa (Aurel Manthei) der da ist wo er gebraucht wird, dieses aber nicht selber zu definieren in der Lage ist und sich hier fremdbestimmt treiben lässt. Dieser Film ist, wenn man sich darauf einlässt die Fragen wahrzunehmen, ein aufwühlender, authentischer Film. Die Gewaltszenen waren so echt, so greifbar; ich muss ihn kein zweites Mal sehen. Doch es ist wie mit einem Buch: um es zu verstehen, kommt es nicht auf das Papier oder die Druckerschwärze an, sondern auf den Inhalt. Diese Szenen mussten sein, auch wenn ich nie gedacht hätte, dass ich so etwas mal vertreten würde.
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„Gewalt ist einfach Scheiße“
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Um dem Beifall von der falschen Seite vorzugreifen: Der Produzent Alexander Bickenbach stellte in der Begrüßungsrede im Namen der gesamten Filmcrew unmissverständlich klar, dass „Gewalt einfach Scheiße“ sei! In diesem Zusammenhang distanzierte sich die gesamte Filmcrew ausdrücklich von Gewalt mit Blick auf die Hooligan-Szene. Gleichzeitig dankte er der Stadt Braunschweig, sowie der Eintracht Braunschweig für die Unterstützung zur Entstehung des Films an den Originalschauplätzen.
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Ein Schatz an Fragen
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Ein großes Gesellschaftsdrama, großes Kino, mit großartigen Schauspielern besetzt, die denen, die den Schritt in die Eigenverantwortung doch wagen möchten, mit diesem Beitrag auf ihre ganz eigene Art etwas zu spiegeln vermögen. “Keine Antworten, keine Message“, so Glaser, doch er schafft es mit Ludwig einen Schatz an Fragen im Raum stehen zu lassen, an dem jeder Anteil haben darf.
Text: Alkmini Nelsen Fotos: Michael Berkau
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"Public Enemies" | "Whatever Works"
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